Würdig leben



Die Idee zum heuteigen Gottesdienst lieferte uns das Buch „Würde“ von Gerald Hüther. Es steht zur Zeit auf Platz sechs der Spiegel-Bestseller-Liste und scheint somit einen Nerv der Zeit getroffen zu haben. Das Spannende daran ist die Tatsache, dass Hüther weder Theologe noch Philosoph ist, sondern Neurobiologe und Hirnforscher. Und aus dieser Perspektive ist das Buch auch geschrieben.  Trotzdem ist es ein sehr persönliches Buch geworden.

Hüther macht sich Gedanken darüber, wie wir in einer immer komplexeren Welt, die den menschlichen Bedürfnissen  immer unangemessener erscheint, trotzdem noch menschlich leben können. Und in diesem Zusammenhang bekommt der Begriff „Würde“ für ihn eine ganz zentrale Bedeutung.  Die Würde ist für ihn eine Orientierung bietende Vorstellung, an der wir Menschen unser Handeln ausrichten. Also eine Art innerer Kompass, an dem wir uns orientieren können, und mit dessen Hilfe wir unser Leben und unser Zusammenleben so gestalten können, dass es uns selbst und den anderen gut geht. Wenn wir und die anderen Menschen in Würde leben, können wir laut Hüther die in uns angelegten Potenziale erst wirklich zur Entfaltung bringen und uns ein Leben lang weiterentwickeln.

Doch mit der Vorstellung und dem Bewusstsein seiner menschlichen Würde kommt niemand bereits auf die Welt. Beides muss erst in unserem Gehirn verankert werden. Jeder Mensch braucht aber eine Vorstellung davon, was seine eigene Würde ausmacht. Sie ist somit zentraler Bestandteil seines Selbstbildes, das ihm hilft sich zu orientieren , welcher Mensch er sein möchte und somit  in seiner Lebenshaltung die persönliche Richtung nicht zu verlieren. Würde ist nach Hüther eine subjektive Vorstellung, die nicht an objektiven Konstrukten wie Stolz, Ehre, Anstand oder Moral gebunden ist und die daher auch keinem gesellschaftlichen Zeitgeist unterworfen, sondern zeitlos ist.

Die Vorstellung, wie wir mit anderen zusammenleben sollten, entwickelt sich aus einer sehr frühen Empfindung heraus, die alle Kinder bereits mit auf die Welt bringen. Sie fühlen, wie es richtig wäre behandelt zu werden, und wenn dieses Empfinden verletzt wird, weinen sie. Damit aus dieser frühen Empfindung aber auch eine Vorstellung von Würde entstehen kann, brauchen Kinder die Erfahrung, dass sie um ihrer selbst willen wichtig, bedeutsam und liebenswert sind, also eine Würde als Mensch besitzen.

Leider machen nicht alle Kinder diese Erfahrung und auch unser Schulsystem fördert nach der Ansicht Hüthers nicht einen würdevollen Umgang miteinander, denn bereits ab der Grundschule werden Kinder verzweckt für die Pläne ihrer Eltern und der Gesellschaft. So werden sie nicht zu Subjekten und Gestaltern ihres eigenen Lebens erzogen sondern vielfach zu Objekten anderer Interessen degradiert, was sich auch in der Verführung durch Werbung und Medien allgemein deutlich macht.

Wer aber ein Bewusstsein für seine eigene Würde entdeckt hat, ist nicht mehr verführbar und wird auch andere Menschen würdevoll behandeln. Deshalb kann laut Hüter die Würde allein ein Kompass für das zukünftige Zusammenleben der Menschen sein.

Seit Jahrtausenden war die Hierarchie das Ordnungssystem einer stabilen Gesellschaft. Die Einordnung der Menschen in hierarchische Strukturen, brachte gesellschaftliche Sicherheit und Orientierung. In einer immer komplexer werdenden Gesellschaft funktioniert die Hierarchie als Ordnungssystem aber nicht mehr. Nur wenn jeder Mensch seiner Würde entsprechend lebt und handelt, ist nach Ansicht Hüthers die Welt zu retten und ein menschenwürdiges Leben auf unserem Planeten möglich.

Deshalb lautet seine Forderung:“ Wir müssen uns nicht nur unsere Würde zurückholen, sondern sie erst einmal richtig entdecken. Wer ein Bewusstsein für seine eigene Würde entdeckt hat, ist für hierarchische Strukturen nicht mehr geeignet. Er ist dann als Konsument nicht mehr verführbar und als politische Wahlmasse nicht mehr beeinflussbar.“ Mit anderen Worten: „Er ist frei.“

So nachvollziehbar die Darstellung Hüthers ist, hat sie dennoch gravierende Knackpunkte. Die Würde nach seiner Definition  ist an das Bewusstsein des Menschen gebunden. Was ist dann aber mit jenen Menschen, die sich ihrer selbst nicht bewusst werden können, weil sie geistig behindert sind, im Koma liegen oder als Embryonen noch kein Bewusstsein haben ausbilden können. Wo ist der Maßstab für ihren Würde und ihren Wert? Die christliche Vorstellung der Gottesebenbildlichkeit des Menschen schließt alle Menschen ein. Sie allein kann die Grundlage für einen menschlichen Umgang miteinander liefern.


Definitionen und Impulse zum Thema „Würde“



1.)    Die Würde des Menschen ist unantastbar. Sie zu achten und zu schützen ist Verpflichtung aller staatlichen Gewalt.

Das Deutsche Volk bekennt sich darum zu unverletzlichen und unver-äußerlichen Menschenrechten als Grundlage jeder menschlichen Gemeinschaft, des Friedens und der Gerechtigkeit in der Welt.

Die Grundrechte Artikel 1 und 2


2.)    Von Würde wird auch im Zusammenhang mit einem Titel, bestimmten Ehren und/oder hohem Ansehen verbundenen Ämtern gesprochen (die „Würde des Amtes“, etwa des Bundespräsidenten, die „nicht beschädigt werden darf“). Dementsprechend werden besonders im gehobenen Sprachgebrauch die Träger besonderer weltlicher wie geistlicher Ämter als Würdenträger bezeichnet.

Wikipedia


3.)    Was als würdig oder nichtswürdig (würdelos, schändlich) empfunden wird, ist weder allgemein definierbar noch konstant, sondern unterliegt wie alle Wertvorstellungen ständigem sozialen Wandel. Welches eigene Verhalten ein Mensch als mit seiner Würde vereinbar ansieht, ist individuell verschieden.

Wikipedia


4.)    Der Schweizer Philosoph Peter Bieri versteht die Würde nicht mehr als eine metaphysische Eigenschaft des Menschen, die ihm von niemandem und unter keinen Umständen genommen werden kann. Vielmehr interpretiert er die Menschenwürde als eine bestimmte Art der persönlichen Lebensführung, die auch misslingen kann. Damit verweist er auch auf die Gefahr eines Würdeverlustes.



5.)    Weil aber alle Menschen in der natürlichen Würde unter sich gleich sind, besitzt keiner von ihnen die Macht, einen anderen zu einem Tun zu bestimmen.

Papst Johannes XXIII


6.)    Weil er nach dem Bilde Gottes geschaffen ist, hat der Mensch die
Würde, Person zu sein; er ist nicht bloß etwas, sondern jemand."

Katholischer Katechismus


7.)    Denn die Schwächsten und Bedürftigsten unter uns offenbaren unsere eigene Würde.

Prof. Dr. Gisela Chatelant


8.)    Der Menschheit Würde ist in eure Hand gegeben. Bewahret sie, sie stirbt mit euch, mit euch wird sie sich heben.

Friedrich Schiller